Der Junge war schon weit gelaufen. Doch er war nicht müde, obwohl er schon so weit gelaufen war. Und er war neugierig, was nach der nächsten Gabelung auf ihn warten würde. Obgleich er schon eine Menge Gefahren, viel Trauriges und unangenehme Situationen  überstanden hatte.

Da kam er an eine Kreuzung, an der ein alter Mann saß, gemütlich an einem Baum lehnend. An dieser Kreuzung befand sich ein Wegweiser. Es zeigte sich, dass beide Wege zur nächsten Stadt führten. Der linke Weg war gut gepflastert, doch es war doppelt so weit. Der rechte Weg war der deutlich beschwerlichere, aber auch der kürzere. Welchen Weg sollte er nun nehmen? Den linken? Oder doch den rechten?

Der alte Mann musterte den nachdenklichen Jungen und fragte ihn, ob er denn helfen könne.

„Nein, ich denke nicht. Diese Entscheidung muss ich alleine treffen, schließlich werde ich auch den Weg alleine meistern müssen.“

Der Alte blickte ihn an und sprach: „Hör zu, ich gebe Dir einen wertvollen Rat. Ein Rat von einem alten Mann, der im Leben sehr viel erlebt hat. Doch zunächst erzähle mir von Dir. Sag mir, woher Du kommst und was Du arbeitest. Erzähle mir von Deiner Familie und Deinen Freunden. Sag mir, was Deine Lieblingsbeschäftigungen sind und erzähle mir von dem Menschen, der Dich von Grund auf glücklich macht und Dich liebt, wie Du bist.“

„Wieso willst Du das alles wissen“ erwiderte der Junge. „Und wieso interessiert Dich, wer mich lieben könnte?“

„Liebe ist Vertrauen“ antwortete der Alte. „Und Vertrauen ist wichtig auf all Deinen Wegen im Leben. Und nun erzähle, mein Junge…“

Sich wundernd, wo dies nun hinführen sollte, erzählte der Junge  - aber auch der Neugier willen, was ihn als Antwort erwarten würde. Er erzählte von seinem Beruf, seiner Familie und seinen Freunden und er nannte ihm seine Lieblingsbeschäftigungen. Aber er war allein. Also erzählte er von vergangenen glücklichen Momenten zu zweit.

„Gut, gut…“ sprach der Alte. „Du weißt, woher Du kommst,  was um Dich herum passierte und wer Dir nah stand. Nun sage mir, wie es jetzt um Dich steht.“

Wieder begann der Junge zu erzählen. Doch er fing an, zu stocken. Er erzählte von den Problemen in der Familie, von Veränderungen in Beruf, Freizeit und in Freundschaften. Doch er fand am wenigsten Antworten auf die Frage, wo er nun in der Liebe stand. Das einzige, was er mitteilen konnte, war das Verlassen des letzten Ortes ohne den Mut einen Menschen danach zu fragen, ob er ihn nicht auf seinem Weg begleiten wolle.

„Sieh an“ entgegnete der alte Mann. „Du weißt woher Du kommst, was passierte und erkennst, was um Dich herum geschieht. Und nun sage mir, wo Du in nächster Zeit stehen wirst.“

Der Junge schwieg. Nicht weil er nicht antworten wollte. Er konnte es nicht. Er wusste es nicht. Was mochte in seiner Familie passieren? Wird er seine alte Arbeit fortführen können? Was geschieht im Freundeskreis? Und wer würde ihn  lieben? Er war völlig ratlos und fühlte sich urplötzlich von allem verlassen.

Der alte Mann sprach:                                                                                                                                                                     „Du siehst: Du weißt woher Du kommst und was gerade geschieht. Aber Du hast keine Ahnung wohin Dein Weg geht und ob Dich jemand auf diesem Weg begleitet und wer dies sein könnte. Du bist allein und weißt nicht, wer Dir irgendwann genug  Vertrauen für weitere Wege schenken kann. Solange Du nicht im Reinen mit Dir selbst , Deinen Gefühlen und Gedanken bist, und nicht weißt, wem Du vertrauen wirst, gelangst Du nie an Dein Ziel , gleichgültig, welchen Weg Du auch nehmen würdest.

Darum gebe ich Dir nun den Rat, auf den Du lange gewartet hast. Geh zurück zu dem Ort, an dem Du dich zuletzt aufgehalten hast. Gehe zu dem Menschen, dem Du am meisten vertraut hast und frage diesen Menschen, ob er Dich auf Deinem Weg begleitet. Dieser Mensch wird Dir in Gefahren beistehen, Dich in traurigen Momenten aufmuntern und in unangenehmen Situationen unterstützen. Und Du erkennst, wo Du einmal Stehen wirst – genauso wie Du dann Antworten auf alle meine Fragen findest.

Der Junge drehte sich tatsächlich um, ging zur letzten Stadt, die er besucht hatte und tat, wie ihm der Alte geraten hatte. Und nicht viel später machten sie sich gemeinsam auf den Weg und erreichten die Kreuzung, an der der Junge den Alten getroffen hatte. Der alte Mann war verschwunden. Einen Moment lang kroch Hilflosigkeit in ihm hoch. Er schaute wieder auf den Wegweiser und blickte dann in die Augen seiner Begleitung. Und dann geschah es: Er sah darin Sicherheit und Geborgenheit, ein unglaublich tiefes Vertrauen. So zögerten beide nicht lange und beschritten gemeinsam den weitaus schwereren Weg. Wohl wissend, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.

Es dauerte auch nicht lange, und sie kamen im nächsten Ort an. In so kurzer Zeit auf einem Weg, den allein sie wahrscheinlich nicht einmal geschafft hätten und nur, weil sie sich gegenseitig halfen.

Heute weiß der Junge, woher er kommt, und wo seine Reise hingehen wird. Egal auf welchem Weg. Er wird ihn beschreiten, wie schwer er auch sein mag, weil er jemanden vertraut. Vertrauen ist der Anfang von allem – auch eines gemeinsamen Wegs.

 

Fragst Du Dich nicht auch, wo Deine Reise hingeht?

Wo ist ein Wegweiser, wenn man einen braucht?

Und wer wird Dich auf Deinem Weg begleiten?

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